Warum laufe ich eigentlich?
Warum laufe ich eigentlich?
Vor einigen Jahren träumte ich wie viele andere junge Läufer davon, Profi zu werden. Die Antwort auf diese kurze Frage ist somit so kurz und einfach wie die Frage selbst. Dass ich kein Profi werde, weiss ich mittlerweile schon lange. Und doch stehe ich Jahr für Jahr wieder mit der gleichen Vorfreude und neuen Zielen an der Startlinie, obwohl ich für mich persönlich schon mehrmals meinen „letzten“ 800er gelaufen bin. Die Antwort scheint also doch nicht ganz so simpel zu sein – warum laufe ich eigentlich?
Ziele
2 Runden, „eini rolle, eini bisse“, nochmal kurz in die Knie, nochmal durchatmen. Vorfreude und Nervosität gleichzeitig, an die Startlinie, Startschuss, im Feld orientieren, einreihen, 200 m, jetzt rollen, 400 m, Durchgangszeit passt, weiter rollen, 500 m beschleunigen, Tempo halten, 600 m, schmerzende Beine, „chunt guet“, „durezieh“... „chunt guet“... Ziel. Alleine beim Schreiben dieser Zeilen erhöht sich mein Puls schlagartig. Die Vorfreude, endlich eine Chance zu bekommen, das gesetzte Ziel zu erreichen, auf das ich so lange hingearbeitet habe. Die Spannung, ob es heute klappt.
Dabei ist es doch ganz egal, was das Ziel ist. Wichtig ist, dass ich es mir selber gesetzt habe und es in diesem Moment vielleicht erreichen kann. Auch abseits der Rundbahn findet man beispielsweise an jedem Volkslauf eine Person am Start, die gewinnen möchte, direkt daneben eine Person, die einfach die Ziellinie erreichen will, und noch eine, die ein schönes Erlebnis haben möchte. Alle werden alles für ihr persönliches Ziel geben, sobald der Startschuss fällt – und alle dürfen genau darauf stolz sein.
Lächeln
So gut diese Antwort nun schon klingt, die ganze Wahrheit ist es nicht. Spulen wir die Zeit ein paar Monate zurück zu einem kaltgrauen Novemberabend. Ein langer Arbeitstag ist vorbei und dann steht da hinter der Haustüre noch der Laufschuh, der noch ein bisschen Auslauf braucht. Das klingt jetzt irgendwie weniger spektakulär, und trotzdem komme ich eine Stunde später verregnet wieder zur Tür rein – zwar mit müden Beinen, aber mit einem Lächeln im Gesicht.
Und manchmal bin ich mit anderen unterwegs, spreche keine zwei Sätze und geniesse es einfach, dass es noch andere „Spinner“ gibt, die freiwillig draussen herumrennen.
Das gleiche Lächeln wie am Start und das gleiche Lächeln wie nach der Ziellinie. Manchmal bin ich in dieser Stunde alleine unterwegs und kann jedem Gedanken folgen, der mir durch den Kopf geht. Mal bin ich mit anderen unterwegs und spreche über Sinnvolles und weniger Sinnvolles. Und manchmal bin ich mit anderen unterwegs, spreche keine zwei Sätze und geniesse es einfach, dass es noch andere „Spinner“ gibt, die freiwillig draussen herumrennen.
So simpel…
Und ja, ab und zu lächle ich am Schluss nicht – auch das gehört dazu. Manchmal bin ich sogar verletzt und es dauert mehrere Monate, bis ich wieder Freude am Laufen haben kann. Und ein anderes Mal habe ich wirklich einfach keine Lust oder bin zu müde und gönne mir eine wichtige Pause.
Aber Laufen ist so vielseitig: egal ob in den Nagelschuhen auf der Rundbahn, mit dem Trailschuh in den Bergen oder eben manchmal einfach mit dem Dauerlaufschuh auf meiner Runde zu Hause, die ich schon tausendmal gelaufen bin. Irgendwann ist es wieder soweit. Genau dann merke ich, dass die Antwort auf die Frage, warum ich laufe, doch so simpel ist, wie sie überhaupt sein kann: Ich laufe, weil ich gerne laufe.